Geschmückter Altar Gründonnerstag - Chiesa S Nicola Brindisi

Spektakulär und faszinierend: die Karwoche in Apulien

Die Karwoche wird in Apulien sehr intensiv gelebt und ist im Grunde viel spektakulärer als die eigentlichen Osterfeierlichkeiten. Mit der Tradition, am Palmsonntag geweihte Olivenbaumzweige an Freunde, Verwandte und Kollegen zu verteilen, beginnt die Karwoche und es geht sozusagen in den Endspurt der Fastenzeit.

Die Sepolcri

Die Sepolcri sind eine Tradition, die offenbar vor allem in Süditalien hochgehalten wird: am Gründonnerstag werden in allen Kirchen die Altäre mit Blumen und frisch keimendem Getreide geschmückt, um das heilige Grabmal Jesu zu symbolisieren (sepolcro), und zumindest in Brindisi ist an diesem Tag ist die ganze Stadt bis spät abends unterwegs, um diese geschmückten „sepolcri“ in den verschiedenen Kirchen anzusehen (für Besucher eine beinahe einmalige Gelegenheit, einmal alle Kirchen geöffnet zu finden).

Geschmückter Altar Gründonnerstag - Chiesa S Nicola Brindisi
Ein „Sepolcro“: ein mit Blumen und keimendem Getreide geschmückter Altar erinnert an das Grabmal Christi

 

Man besucht rigoros eine ungerade Anzahl von Kirchen (wie man übrigens auch beim Sonntagsessen immer eine ungerade Zahl Fleischbällchen nimmt, alles andere bringt Unglück, Untreue des Partners und weitere Unannehmlichkeiten). Waschlappen sehen sich nur ein sepolcro an, normal sind zwischen drei und fünf, die Streber berichten stolz von sieben besuchten Kirchen (von mehr habe ich allerdings auch noch nie gehört, fällt mir gerade auf).

Man verabredet sich, man trifft sich zufällig, man unterhält sich, die sepolcri werden heftig kommentiert und alle Personen und Ereignisse im gemeinsamen Bekanntenkreis gleich mit – oft hat man sich seit einem Jahr nicht gesehen. Trotz Fastenzeit wird oft spontan beschlossen, gemeinsam eine Pizza zu essen und die Pizzerien sind dementsprechend ähnlich voll wie die Kirchen und die Wartezeiten lang.

Die Karfreitagsprozessionen

In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag beginnen die ersten Prozessionen. Eine besonders berührende Tradition  ist in Brindisi der Umzug der trauernden Gottesmutter, die in den Straßen der Altstadt zwischen zwei und vier Uhr morgens mit einer klagenden Trompetenmelodie ihren verloren Sohn ruft. „L’hai sentita ieri notte?“, „Hast Du sie gehört?“ fragt man dann am Freitagmorgen. „Si, l’ho sentita“ antwortet der andere dann mit einem leisen Schauer, „Ja, ich habe sie gehört“.

Oder schnöde „Nö, ich hab geschlafen“, kann auch passieren.

Die Prozessionen mit der trauernden Gottesmutter finden natürlich überall statt, manchmal sind sie ein andächtiger aber pragmatischer und recht zügiger Gang durch die Stadt, manchmal wird der Schmerz der Madonna und der Menschheit stundenlang zelebriert und von der ganzen Stadtbevölkerung sowie Besuchern und Filmteams begleitet.

Die Brindisiner gehören eher zur pragmatischen Fraktion der Andächtigen, während in Francavilla Fontana und vor allem Tarent die Karfreitagsprozession sehr, sehr lange dauert und sehr beeindruckend ist. Weißkapuzte Gestalten mit Holzratschen ziehen barfuß mit dem Christus-Sarg durch die Straßen, zwei Schritt vor, einen zurück.

Es ist schwer, als Außenstehender die Stimmung bei diesen Mega-Events zu beschreiben. Einerseits ist es wirklich beeindruckend und sehr interessant, aber als evangelische Deutsche kommt mir diese exzessive Zelebrierung durch die gläubigen Bruderschaften auch sehr fremd und schwer zugänglich vor – auf mich wirkt gerade die Tarantiner Prozession mit den an Ku-Klux-Klan erinnernden Gestalten eher beklemmend und fast etwas unheimlich und bedrohlich.

 

Kurios und doch wieder nicht: Hinter den Kulissen dieser Prozessionen spielen sich, wie soll es anderes sein, Macht- und Stellungskämpfe ab. So wurde die Ehre, den Christus-Sarg tragen zu dürfen, in den Hoch-Zeiten des Schmuggels in Brindisi ausschließlich von hohen Exponenten der lokalen Kriminalität erkauft (keine Ahnung, ob das immer noch so ist). Dass die christliche mit der kriminellen Ebene bei derartigen Events eng verwoben ist, wurde auch in Sizilien letztes Jahr auf skandalöse Weise offensichtlich, als sich bei der Prozession zur Ehren der Madonna del Carmine die Madonna vor dem Geschäft eines lokalen Mafiabosses verneigte.

Außer im Salent finden spektakuläre Karprozessionen auch z.B. in San Marco in Lamis (Foggia) statt – interessante Hintergründe und ein detailliertes Programm findet sich auf der Seite Settimanasantainpuglia.it.

In jedem Fall ist die Karwoche und die Osterzeit ein Highlight im Jahr und als Reisezeit eine gute Alternative für diejenigen, die keinen Wert auf die Sommer-Strandgrill-Saison legen.

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