Rote Erde, Steine und Meerblau: Die Anmut der Farben von Helmut

von Valeria Raho

Diesen Artikel von Valeria Raho durfte ich von der Zeitschrift QuiSalento übernehmen und übersetzen.

In Richtung Meer sind die Straßen von Gemini Rutschbahnen aus Asphalt. Häuser mit niedrigen Dächern entrollen sich entlang eines wegen des Regens mit müden Farben helmut3gescheckten Wandteppichs. Unter der unbefleckten Form einer Straßenlaterne haben sich zwei Katzen am frühen Nachmittag auf der nur noch für kurze Zeit verlassenen Piazza für ein Stelldichein verabredet. Man darf wetten, dass eine halbe Umdrehung der Uhrzeiger genügt, und sie werden von den betagten Stammbesuchern der Piazza abgelöst. Männer mit marmornen Gesichtern, stellt man sich vor. Männer mit unbeweglichen Mienen, in Frieden mit sich selbst. Derselbe Frieden, der in der Luft liegt in diesem kleinen Gemeindeteil von Ugento.

Nach nur ein paar Kilometern gleitet Gemini weg. Plötzlich öffnet sich das Land. Das ruhige Kommen und Gehen der Autos scheint den Schlaf nicht zu stören. Autos mit Familien, Autos mit Pärchen, Autos mit nur einer Person fließen entlang einer gleichförmigen Landschaft mit vier Farbschichten. Das gleichbleibende Himmelblau des Horizonts, das konstante Grau unter den Reifen und das Braun rundherum, es liegt am Wind und am wehenden Grün der Olivenbäume, dem Bild Lebhaftigkeit zu verleihen.

Utensilien Helmut DirnaichnerJetzt muss man die „Höhle“ aufstöbern. Genau, die Höhle. Das erste Mal, mit dem Echo eines durch das Telefon hörbaren Lächelns, benutzte Helmut Dirnaichner wörtlich diesen Ausdruck für sein Haus mit Werkstatt auf dem Land von Gemini. Und auf die Frage „Wie finden wir Sie?“ antwortete er: „Richtung Meer, immer geradeaus. Nach ein paar Kilometern halten sie an“, eine Formulierung, die des weißen Kaninchens bei Carroll würdig gewesen wäre. Kein Zeichen, kein Orientierungspunkt? „Nein“ sagte er fest. Nichts wahrer als das. In der Tat, wenn nicht auf einmal an der Abzweigung einer Straße, die genau gleich wie die vielen anderen aussah, die weiße Schnauze eines Autos aufgetaucht wäre, um die Ankunft zu signalisieren, hätte die Reise unbegrenzt weitergehen können bis nach Leuca. Es ist also der Hausherr in Person, der uns zu Füßen der Höhle fährt und mit wenigen heiteren Worten jedes umständliche Zeremoniell zerpflückt.

Helmut Dirnaichner die Hand zu drücken ist ein Privileg. Die besondere Aura, die von diesem Mann mit den zerzausten Haaren ausgeht, das Gesicht eingerahmt von seinem fließenden Bart, nimmt man sofort wahr. Es sind nur wenige Augenblicke in seiner Gegenwart nötig, um sein Künstler-Charisma zu erspüren, ohne dass er sich dessen auch nur einmal gerühmt hätte. Der Salent schuldet ihm viel. Schuldet viel seiner Kunst und dem Gedanken anderer mutiger Ausländer, die jenseits vergänglicher Moden den Salent als Adoptivheimat gewählt haben. Nicht das gebildete Lecce, nicht das herrschaftliche Maglie, noch weniger das von der Tanzwut befallene Galatina, von den Anthropologen überrannt, sondern den Süden des Südens. Und so (ohne es zu wollen) eine kleine Diaspora begründend, haben sich diese erlesenen Geister zwischen Gemini, Ugento, Presicce und Salve versprengt, in dem Versuch, die Nabelschnur, die Ähnliche mit Ähnlichen verbindet, zu zertrennen, um sich unter die Bauern zu mischen, die nicht asphaltierten Straßen, die Küsten, in der Absicht die Sprache zu erlernen und jede Nuance der Kultur des Ortes zu erfassen.

Dirnaichner gehört zur Generation von Patience Gray und Norman Mommens, kosmopolitisches Paar im Leben und in der Kunst. Zwei Intellektuelle mit Erfahrung. Sie Engländerin, überzeugte Umweltschützerin, mit ihrem Talent als Schriftstellerin eher dem Wort zugeneigt. Er Bildhauer, feinsinniger Denker, bei Bedarf gewissenhafter Bauer in der Masseria Spigolizzi, nicht zu weit von Gemini. Ende der Siebziger Jahre, dank eines Stipendiums, gelangte Dirnaichner in das Hinterland von Ugento mit der Absicht, sie zu besuchen, mittlerweile heimisch geworden in diesem von zwei Meeren gespiegelten Zipfel Erde. Fasziniert von der Klarheit des Lichts beschloss er, dort Wurzeln zu schlagen, in der Gnade der Farben zu arbeiten und dort seine Zeit in den Sommerpausen zu verbringen. Von einem sechsten Sinn geleitet beschloss er, eine alte Masseria aus dem 16. Jahrhundert zu restaurieren, seinerzeit zu einer Ruine verfallen, im Herzen des Landes um Gemini. Hier wurde er ohne Fragen empfangen. „Ein Künstler zu sein, ist ein Statut, man muss es nicht beweisen. Die Leute spüren es, wenn es echt ist“  erklärt er. Und über Gemini fährt er fort: „Ich war nicht nur von der Schönheit des Ortes fasziniert. Ich muss die Kultur eines Orte spüren. Ich bleibe stehen, wo ich sie treffe, rieche. Und hier habe ich sie gefunden, wie in Ägypten, Mexiko, alles Orte, an denen ich gelebt habe“. Ein Wünschelrutengänger, praktisch, durstig nach Wissen.

Mit den Jahren, Stein auf Stein, hat er die Räume der Masseria wieder aufgebaut. In der Zwischenzeit kannte er die Geschichte des Hinterlandes von Ugento, entdeckte den Gott Zis, bewirtschaftete den Boden, beobachtete die Bauern in den Olivenhainen rund herum. Er lauschte dem (für einen Deutschen) kryptischen Gesang inmitten der grünen Kronen an den Erntetagen, mit der Gewissheit, dass sich dieses Land um ihn kümmern würde und umgekehrt, auf die eine oder andere Art und Weise.

Den Blick auf das weiße Wohnhaus lenkend, mit einer ehrerbietig einladenden Geste, zeigt uns Dirnaichner den Weg. Seine Stimme, sein Akzent sind bayerisch. Erinnern an Berge, smaragdgrüne Wiesen, Schnee, Städte mit abfallenden Dächern, Stammesstreifzüge, Gesichter solide wie Rüstungen. Seine Art hat nichts sprödes, ist ausgeglichen, aufmerksam. So wartet er, einmal eingetreten, geduldig, dass sich die Verwunderung seiner Gäste legt angesichts eines Gartens, der in Wirklichkeit ein Eden in Miniatur ist, eine Arche Noah der Arten, begrenzt von einer hohen Trockenmauer. Von einigen den Stängel streichelnd, sagt er den Namen im Dialekt her. Im Garten entsteht, wächst und stirbt alles nach der Natur. In seiner Abwesenheit vertreibt eine Schlange, jetzt im Winterschlaf, die unerwünschten Gäste. Früher gab es auch eine kleine Katzenkolonie. „Eines schönen Tages beschlossen sie umzuziehen“ sagt er und lächelt. Vielleicht waren es die Katzen, die sich auf der Piazza versammelten oder die, denen wir im Ort ein paar Male den Vortritt gelassen haben in der trägen Ausgangssperre eines Samstagnachmittages.

Eine nackte Laube geht dem imposanten Kamin voraus; zu seiner Rechten steht indessen ein Tisch, zugestellt mit Schüsseln. Einige sind aus Plastik, eine aus Blech. Sie beinhalten Material, wie Dirnaichner sagen würde, da seine Werke keine einfachen Bilder sind, sondern Kondensate aus roter Erde, Kiesel, Asche, Meerblau, Stein. In diesen Schalen scheint die Natur selbst zu arbeiten, mit ungewissen Zeiten und geheimnisvollen Kriterien. Mehrere Schichten verdichten sich über und unter Wasser, Grau-, brillante Schwarz- und Ziegelrottöne bildend. Bevor er das Haus betritt, wirft Dirnaichner noch einen Blick zur Kontrolle. Widerwillig muss er diese Kreaturen verlassen. Der Blick ist jedoch beredt. Er wird bald zurück sein.

Das Haus ist warm, weiß, ein einziger Raum mit einem Tonnengewölbe, komplett umgeben von Oberlichtern und Glastüren. Bei der Eingangstür ruhen Arbeitsgeräte, währendhelmut4 hinten in der Küche eine Holzleiter mit dem Fenster um die Höhe wett zu streiten scheint. Ein tableau vivant mit dem windgepeitschten Olivenbaum. Es gibt wenige einfache Gegenstände, nichts überflüssiges. Schweigen herrscht. Während er auf das Rund eines Tellers Körbchen von Keksen und Mostarda zum Kaffee stellt, bahnt sich Dirnaichner den Weg zum Atelier entlang einiger Stufen. „Dieser Raum entspricht dem alten Heuschober der Masseria“ erklärt er, während wir ungläubig die Galerie bewundern, wo sich seine ersten Ausstellungen vereinen.

Der Blick, bevor er sich auf den Details niederlässt, fällt schnell auf die Wand am Ende des Raumes, wo sich vier Blätter befinden, vier Lanzen sortiert nach Farbe. Grün, rot, smaragdgrün, hellgrün, intensives himmelblau, dann ein Ton weniger. Das Licht, das durch den Raum flutet, verändert sich ständig beim Vorbeiziehen der Wolken. Worauf er hinzufügt: „Auch wir sind angesichts eines Werkes nie dieselben. Unsere Augen verändern sich, weil man sich mit der Zeit verändert“. Panta Rei, sagte Heraklit. Nur daran zu denken, ihn jetzt anzusprechen, eine Betrachtung zu diesem Gedanken hinzuzufügen, wäre wie die Entweihung eines Traumes. Deshalb warten wir stumm auf seinen nächsten Zug. Mit Umsicht verfolgen wir den Schatten dieses Philosophen der Materie. Er berührt die Blätter auf einem Sitz, mustert sie aufmerksam, und nähert sich dann schnell einer langen Bank. Das Holz ist ein fröhliches Stelldichein von Spachteln, aufklappbaren Meterstäben, Gläsern voll Materie, Zwirnrollen, Sieben, Pinseln, ein Malachit als Briefbeschwerer leistet einem Mörser Gesellschaft. Im Hintergrund noch das intensive Pulver von Lapislazuli, gerade eben zerkleinert.

Helmut Dirnaichner in seinem AtelierMan kommt sich vor wie in der Werkstatt von Giotto. Auch der Maler aus Bondone ließ sich den wertvollen Stein aus Afghanistan liefern. Um ihn zu gewinnen, heute wie gestern, steigen die Bergarbeiter auf Saumpfaden bis auf dreitausend Meter Höhe. „Auf dem Gipfel angekommen“, erklärt der Maler, „graben sie tiefe Löcher und stecken Stangen hinein, die, mit Wasser gefüllt, Risse im Boden erzeugen. So gewinnt man das Material“, mit einer Geste die Kraft der Natur nachahmend, wirkungsvoller als Dynamit. Und diese Steine, entnommen aus einem Säckchen, breitet er auf dem Tisch aus, spielt mit ihrer Oberfläche unter dem Teller von Händen, die immer gearbeitet haben, man sieht es, nicht nur mit Farben. Ein paar Tropfen Wasser, und sie verändern ihre Farbe, werden immer intensiver. „Es verändert sich, man verändert sich immer…“ fügt er hinzu, während der Blick auf ein paar Noten gleitet, begraben zwischen den Farbsäckchen.

Wie essentiell für Helmut der Kontakt mit der Materie ist, springt sofort ins Auge. Man merkt es daran, wie er die Substanzen streichelt, wie er die Formen für seine Bilder auswählt, die Bücher des Künstlers, seine Skulpturen, leicht und fließend à  la Calder. Allumfassend in seiner letzten Schaffenszeit, in Symbiose mit den Symphonien gespielt von Biagio Putignano, aber immer einfach, essentiell, rund wie die saubere Erde unter den Bäumen, Fingerabdrücke, Klumpen aus Erde, dunkle Oliven. D’emblée, erscheinen spitzere Formen, wie Blätter oder Lanzen. Wie Totem, in anderen Fällen, wie Menhire. Das seine ist ein universales Alphabet, eine Farbbiographie der Erde. In Wirklichkeit könnte Dirnaichner von irgendwoher kommen, die Zeit durchqueren mit diesem antiken Antlitz. Männer jeder Epoche wären in der Lage, die Tiefe seiner Gedanken zu ergründen, seine Kunst durch die Stimme der Natur. Walter Benjamin machte daraus ein Problem der Sprache. Das Werk dieses Künstlers, so wertvoll für den Salent, widerlegt die These dank der Phantasie. Jedes Element hat seine Geschichte. „Das, was heute ein Fels ist, war früher ein Berg, dann ein Hügel. Und wer weiß welch lange Reise er zurückgelegt hat, bevor er zu meinen Füßen ankam. Hat er einen Geruch? Ja, es scheint Schwefel zu sein. Was hat er gesehen, was hat er gehört, es ist an dem Künstler, es zu erzählen, der Existenz einen Sinn zu verleihen, sie dem Leben der Menschen zuzutragen“.

Dirnaichner ist ein Zauberer, nicht nur der Kunst Er ist auch ein Zauberer mit Worten. Er spricht von Cézanne, Matisse, Kandinsky, den Genies des 20. Jahrhunderts mit derselben Natürlichkeit, mit der er sich aufhellt beim Gedanken an die verstörten Gesichter der deutschen Freunde beim Anblick seiner Ape am Bahnhof, an die Sommerfeste, aufgeheitert durch die einfache und schmackhafte Küche seines Ofens, an die Noten des gemieteten Flügels. In der Zwischenzeit gestikuliert er. Mit den Armen zeichnet er Schirme und Baumwipfel. Ab und zu, mit der geschlossenen Faust, streckt er Daumen und Zeigefinger gleichzeitig aus, wie um den Eindruck eines Funken zu geben, wie um zu sagen: „Na also, ich habe es gefunden“. Er zerkleinert jeden Satz wie Malachit. Wechselt Worte mit Schweigen ab. Wiegt die Ausdrücke, bringt sie wieder ins Spiel, als fürchte er, dass sie sein Gesprächspartner in zu großer Eile verworfen hätte, ohne ihre Schönheit zu würdigen. Im Leben wie in der Materie, die er auswählt. Und über die Kunst sagt er, dass man „die Qualität erkennen muss. Es ist alles eine Frage der Qualität“. Ja, die Qualität. Höhle!

Helmut Dirnaichner, 1942 in Kolbermoor geboren, lebt und arbeitet in Mailand, München und im Salent. Die italienische Presse nennt ihn „un tedesco salentino„, einen deutschen Salentiner. Mehr über diesen außerordentlichen Künstler sehen und erfahren Sie von ihm selbst unter www.helmutdirnaichner.de.

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